März 2020: Erinnerung an Kapp-Putsch, Generalstreik und Rote Ruhrarmee

Wir erinnern aus Anlass des 100. Jahrestages an den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch und den Kampf der Roten Ruhrarmee. Unser Motto: „Bleibt wachsam gegen die Feinde der Republik!“

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Am 13. März 1920 versuchten rechtsgerichtete Soldaten unter Führung der Generäle Lüttwitz und Ludendorff zusammen mit dem Nationalisten Kapp, in Deutschland die politische und militärische Macht an sich zu reißen. Deutschland war zu dem Zeitpunkt seit einem Jahr eine Republik. Kapp und seine Komplizen waren gegen die Demokratie, und sie hatten auch persönlich etwas zu verlieren, denn das Militär sollte nach dem verlorenen Krieg verkleinert werden. Also machten sie einen Putsch. Sie ließen Soldaten nach Berlin marschieren, das Regierungsviertel besetzen und erklärten öffentlich, dass sie jetzt die Chefs im Staat wären.

Das wollten sich aber glücklicherweise die meisten Menschen nicht gefallen lassen. Sie hatten einfach den Kaffee auf von Militarismus, Krieg und Bevormundung durch hochmütige Adlige und herrische Offiziere. Deswegen hatten sie ja im November 1918 erst eine Revolution gemacht, sich in Versammlungen für die Staatsform der parlamentarischen Demokratie entschieden und im Januar 1919 eine Regierung gewählt.

Als der Putschversuch kam, konnte sich die gewählte Regierung (SPD, Zentrumspartei und Deutsche Demokratische Partei [eine Art FDP-Vorläufer]) gerade noch in Sicherheit bringen und ist nach Stuttgart gefahren. Von dort aus riefen sie jetzt die ganze arbeitende Bevölkerung zum Generalstreik auf: Keiner sollte mehr arbeiten gehen! Ohne Eisenbahnen, Druckereien, Telefon, Post, Beamte usw. sollten die Putschisten keine Chance haben. Das hat auch geklappt, nach vier Tagen, am 17.3.1920, haben sie aufgegeben, der Streik war ein voller Erfolg.

Inzwischen hatten sich viele der streikenden Arbeiter bewaffnet, um den Putschisten und ihren Soldaten notfalls auch mit der Waffe in der Hand Widerstand leisten zu können. Die sogenannte Rote Ruhrarmee, eine Armee aus Arbeiterinnen und Arbeitern, auch vielen Jugendlichen, soll über 50.000 Mitglieder gehabt haben. Als Erkennungszeichen trugen viele von ihnen rote Armbinden. Die Gewehre, zumeist Karabiner 98, hatten sie großenteils noch aus dem Ersten Weltkrieg.

Viele von ihnen wollten allerdings nicht nur die Republik retten, sondern auch die Versprechen der Novemberrevolution von 1918 noch einlösen: Sie wollten mehr Demokratie. Sie wollten Teile der Industrie verstaatlichen, um den reichen Industriellen (die sie für den Krieg mitverantwortlich machten) ihre große wirtschaftliche und politische Macht zu nehmen. Sie wollten demokratisch darüber mitbestimmen können, was in den Fabriken produziert werden sollte und was mit den Gewinnen geschieht, so wie man es ihnen vor der Revolution eigentlich versprochen hatte. Und sie wollten für ihren neuen Staat auch ein demokratisches Militär haben; damit haben sie selbst schon mal angefangen.

Teil 1, den Putschversuch zurückzuschlagen, hat gut geklappt. Teil 2, die Republik im Sinne der Revolution weiterzuentwickeln, hat nicht geklappt: Die Regierung hat Soldaten gegen die Revolutionäre eingesetzt, und letztlich ist die Arbeiterarmee geschlagen worden. Damals spielten übrigens auch schon Fake news eine Rolle: Weil man den Soldaten ziemlich schauerliche Sachen über die Rote Ruhrarmee erzählt hat, sind sie oft sehr brutal gegen die Arbeiterinnen und Arbeiter vorgegangen, haben Wehrlose und Unbeteiligte schwer misshandelt, Gefangene erschlagen und erschossen.

Manche haben genau das später als eine Keimzelle für den späteren Faschismus bezeichnet: Das Militär ist nicht demokratisiert, sondern von der Regierung gegen die revolutionären Arbeiterinnen und Arbeiter eingesetzt worden. Viele Soldaten, die – von reichen Unternehmern bezahlt – in den sogenannten Freikorps mitgemacht hatten, sind später auch in der SS gewesen und haben dort mit ihren Grausamkeiten weitergemacht. Ob der Faschismus, der zweite Weltkrieg, der Massenmord an den europäischen Juden der Welt erspart geblieben wäre, wenn 1920 die Revolutionäre gewonnen hätten, wissen wir nicht. Diese Antwort ist uns die Geschichte schuldig geblieben.

Wir gedenken jedenfalls heute, 100 Jahre nach dem Kapp-Putsch, der mutigen Männer, Frauen und Jugendlichen, die sich im März 1920 den rechten Putschisten entgegengestellt haben. Wir trauern um die Opfer der Kämpfe, die sich für die Republik, für die Demokratie, für die Menschenwürde und gegen Militarismus und Obrigkeitsstaat eingesetzt haben.

Wir mahnen, wachsam zu bleiben gegenüber neofaschistischen Tendenzen – ob im Staatsapparat und Regierungshandeln, in Bundeswehr und Polizei, in Parteien und Vereinen oder im eigenen Kollegen- und Bekanntenkreis. Dass sich manche einen autoritären, aggressiven Obrigkeitsstaat zurückwünschen, ist für uns nicht nachvollziehbar. Aus unserer Sicht gilt es auch weiterhin, die Freiheitsrechte, Gleichheitsrechte und Solidaritätsverpflichtungen der modernen Gesellschaft zu verteidigen und weiterzuentwickeln.

Wir verlinken im Folgenden auf Dokumentationen und Spielfilme zum Thema:
ZDF-Dokumentation
kurz und knapp

Spielfilm „Aus einem Deutschen Leben“
Ziemlich ’70er, zeigt aber recht gut, welche Charaktere bei den sogenannten Freikorps angeheuert und im faschistischen Staat Karriere gemacht haben

Vielleicht kommen in den nächsten Tagen noch ein paar Links dazu.

Und wir nehmen die Bücher
Republik im Bürgerkrieg
von Rainer Pöppinghege und
Kapp-Putsch, Abwehrkämpfe, Rote Ruhrarmee
von Klaus Gietinger in unsere Bücherei auf.

Die Bücher können bei uns ausgeliehen, aber natürlich auch im Buchhandel bestellt werden.

Bild: Gedenkstätte in Pelkum bei Hamm

 

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